Irmgard Keun „Das kunstseidene Mädchen“ (Sekundarstufe II)





  1. Zur Definition „Neue Sachlichkeit“

  2. Didaktik Relevanz des Themas für den Deutschunterricht

  3. Unterrichtsreihe Das kunstseidene Mädchen“, Irmgard Keun (GK, 10 Stunden)

  4. Fächerübergreifende Exkursion (Kunst, Deutsch) zum Thema Darstellung der Großstadt in Romanen der Neuen Sachlichkeit am Beispiel von Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“








1. Zur Definition „Neue Sachlichkeit“

Von G.F. Hartlaub 1925 geprägter Begriff für eine in den 20er-Jahren in Deutschland entwickelte Kunstrichtung, für die die objektive und präzise Realitätswiedergabe charakteristisches Anliegen war beruhend auf den neuen Erkenntnissen verschiedener Strömungen (u.a. Marxismus, Einstein, Freud). Die Neue Sachlichkeit bildete eine künstlerische und literarische Gegenbewegung gegen den idealistisch-pathetischen Expressionismus bzw. die abstrakte Kunst. Die literarische Darstellung sozialer und wirtschaftlicher Probleme in der Welt der Großstädte, der Industriearbeiter, der kleinen Angestellten und der Frauen war bevorzugtes Thema, wobei dem dokumentarischen Theater (E.Piscator) sowie den neuen Medien Film (W.Ruttmann, R.Siodmak, E.Ulmar) und Rundfunk ein besonderer Stellenwert zukam. Es entstanden die Reportage (E.E. Kisch), die wissenschaftliche Quellen aufbereitende Biographie, der desillusionierende Geschichtsroman (R.Neumann, L.Feuchtwanger). Im Drama dominierte das Zeit- und Lehrstück (B.Brecht, F.Bruckner, Ö.von Horváth, G.Kaiser, C.Zuckmayer), im Roman wurde eine besondere Form des Gegenwartsromans gepflegt (A.Döblin, H.Fallada, E.Kästner, I. Keun). Vertreter neusachlicher Gebrauchslyrik waren B.Brecht, W.Mehring, E.Kästner und J.Ringelnatz. Der Inhalt der Literatur und dessen Aussagemöglichkeit gewinnt wieder erhöhte Bedeutung, die Form wird von ihm abhängig (keine Sprachexperimente). Die dichterische Welterfassung wird geprägt von erbarmungsloser Skepsis und desillusionierender Ironie.



2. Didaktik Relevanz des Themas für den Deutschunterricht

Die Schülerinnen und Schüler sollen gemäß den Rahmenrichtlinien für die gymnasiale Oberstufe in Niedersachsen (1990) exemplarische Texte der Gegenwartsliteratur kennenlernen. Dabei sollen Aspekte behandelt werden wie sozial-, geistes- und literaturgeschichtliche Zusammenhänge, Formen des Erzählens, eigene Schreibversuche bzw. eigenes Erzählen und Umerzählen und Thematik, Figuren, Probleme und Gehalt. Außerdem ist unter dem thematischen Schwerpunkt 3 für die Schriftliche Abiturprüfung 2006 „Traditionelle und moderne Form des Romans am Beispiel des Epochenumbruchs 1870/1930“ der Roman „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun als verbindliche Lektüre angegeben (Niedersachsen). Unterrichtsaspekte sollen hier sein: Erzähltechnische Analyse der Romananfänge; Unterschiede der Erzählweise als Kennzeichen des jeweiligen Romantypus; Vergleichende Charakterisierung der Frauenfiguren und der von ihnen verkörperten Frauenbilder und vertiefend für Leistungskurse auch die biographische und historische Einordnung der Romane. Zudem sollen im LK Texte zur Romantheorie behandelt werden.

In der unten skizzierten Unterrichtsreihe stehen sprachliche und inhaltliche Besonderheiten des Romans sowie der Epoche und besonders die eigene Textproduktion im Vordergrund.



3. Unterrichtsreihe Das kunstseidene Mädchen“, Irmgard Keun (GK, 10 Stunden)

(Die Einheiten füllen z. T. Einzelstunden EStd, zum Teil Doppelstunden (DStd).

Voraussetzungen: Die Schüler haben die Ganzschrift bereits zu Hause gelesen. Wünschenswert wäre, wenn in Kunst vorher oder parallel die Neue Sachlichkeit sowie in Geschichte das Leben in Deutschland während der Weimarer Republik (Roman erscheint 1932, spielt 1931/ 32) thematisiert werden.



Einheit

Thema und Inhalte der Stunde

1

(EStd)

Einstieg in die Thematik

  • Leseprobe des Romananfangs

  • Eindrücke zu Doris´ Person

  • Assoziationen zum Buchtitel

2

(EStd)

Auf den Spuren von Doris

  • Aufbau der Erzählung

  • Chronologie der Etappen (Orte, Personen)

3

(DStd)

Autorin und historischer Kontext

  • Gruppenarbeit zu verschiedenen Themen wie Politik, Mode, soziale Situation (siehe Materialien; Lektüre). Wie ist die Lebenswelt von Doris und die von I. Keun?

4

(DStd)

Neue Sachlichkeit

  • Definition

  • entsprechende inhaltliche Besonderheiten (Typisierungen; dokumentarisch etc.) aus Lektüre herausarbeiten

  • weitere Beispieltexte, Hörproben und/ oder Filmausschnitte, z.B. Döblin

5

(DStd)

Sprache der Neuen Sachlichkeit

  • sprachliche Merkmale der Neuen Sachlichkeit anhand Lektüre erarbeiten

  • zusätzliche journalistische neusachliche Texte (Reportage, Essay,...) lesen und sprachliche Besonderheiten erarbeiten, z.B. „Der rasende Reporter“ von Egon Kisch

  • Text über etwas Gesehenes in dem Stil verfassen

6

(DStd)

Sprache der Neuen Sachlichkeit

  • entsprechende Passagen aus der Lektüre lesen

  • Gespräch und Geräusche mit Tonband oder als Mitschrift aufnehmen (Pausenhalle, Bushaltestelle o.Ä.)

  • Text über Gehörtes „schreiben wie Film“



4. Fächerübergreifende Exkursion (Kunst, Deutsch) zum Thema Darstellung der Großstadt in Romanen der Neuen Sachlichkeit am Beispiel von Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“

1. Arbeitsauftrag Bereich Kunst: „Dem Glanz auf der Spur“ – fotografische Memorierung von visuellen Impressionen im heutigen Berlin, am besten mit Digitalkameras. Jede Schülergruppe wählt ein Schwerpunkthema wie Frauenbild (Mode, Werbung, Kino, Schaufenster, Frauen etc.) oder Großstadtbilder (Leuchtreklame, Verkehrsmittel, Menschenmengen, Gebäude, Ambivalenz etc.) Die Gruppen haben ca. 2 Stunden Zeit. Die Fotos werden später ausgedruckt und mit Bildunterschriften versehen, was als Projekt bewertet wird.

Lasst Euch durch die Straßen von Berlin treiben und fotografiert die Atmosphäre von Berlin, indem Ihr auch die Themen des Textausschnitts aufgreift.

Ich gehe und gehe durch Friedrichstraßen und gehe und sehe und glänzende Autos und Menschen, und mein Herz blüht schwer.“ S.55

Ich bin in Berlin. Seit ein paar Tagen. Mit einer Nachtfahrt und noch neunzig Mark übrig. Damit muss ich leben, bis sich mir Geldquellen bieten. Ich habe Maßloses erlebt. Berlin senkte sich auf mich wie eine Steppdecke mit feurigen Blumen. Der Westen ist vornehm mit hochprozentigem Licht – wie fabelhafte Steine ganz teuer und mit so gestempelter Einfassung. Wir haben hier ganz übermäßige Lichtreklame. Und ich war ein Gefunkel. Und ich mit dem Feh. [Mantel aus Eichhörnchenfell] Und schicke Männer wie Mädchenhändler, ohne dass sie gerade mit Mädchen handeln, was es ja nicht mehr gibt – aber sie sehen danach aus, weil sie es tun würden, wenn was bei rauskäme. Sehr viel glänzende schwarze Haare und Nachtaugen so tief im Kopf. Aufregend. Auf dem Kurfürstendamm sind viele Frauen. Die gehen nur. Sie haben gleiche Gesichter und viel Maulwurfpelz – also nicht ganz erste Klasse- aber doch schick – so mit hochmütigen Beinen und viel Hauch um sich. Es gibt eine Untergrundbahn, die ist wie ein beleuchteter Sarg auf Schienen – unter der Erde und muffig, und man wird gequetscht. Damit fahre ich. Es ist sehr interessant und geht schnell.“ S.39



2. Arbeitsauftrag: Ich sammle Sehen für ihn.“ Stellt oder setzt Euch an einen belebten Ort (Platz, Straßenbahn, Einkaufsstraße o.Ä.) von Berlin und schließt die Augen, um die Welt wie der blinde Herr Brenner wahrzunehmen. Anschließend öffnet die Augen und beschreibt wie Doris montagehaft, was Ihr seht. Am besten notiert Ihr Eure Eindrücke auf einer Postkarte. Die Texte werden später ausgewertet und als Beitrag für die Schülerzeitung zusammengestellt. Es kann reizvoll sein, diese Aufgabe bei Nacht zu bearbeiten.

Ich sammle Sehen für ihn. Ich gucke mir alle Straßen an und Lokale und Leute und Laternen. Und dann merke ich mir mein Sehen und bringe es ihm mit. Gerade nähert sich eine Beamtennatur und hat ein Taschentuch mit grünem Rand und Kneifer.“ S 57

Ich bringe ihm Berlin, das in meinem Schoß liegt. Fragt er mich: ,Liebe Volksliederstimme, wo warst du heute?´ ,Ich war – auf dem Kurfürstendamm.´ ,Was hast du gesehen?´ Und da muss ich doch viele Farben gesehen haben: ,Ich habe gesehen – Männer an Ecken, die verkaufen ein Parfüm, und keinen Mantel und kesses Gesicht und graue Mütze, - und Plakate mit nackten rosa Mädchen – keiner guckt hin – ein Lokal mit so viel Metall und wie eine Operation, da gibt es auch Austern – und berühmte Photographen mit Bildern in Kästen von enormen Leuten ohne Schönheit. Manchmal auch mit.´“ S. 59F



3. Arbeitsauftrag Kaffeehausimpressionen: Setzt Euch in ein „Kaffeehaus“, beobachtet Personen und versucht, Gesprächsfetzen aufzuschreiben. Entwickelt aus diesen Beobachtungen und Gesprächsfetzen eine kurze Filmszene (schriftlich, drehbuchartig).

Ich denke nicht an Tagebuch – das ist lächerlich für ein Mädchen von achtzehn und auch sonst auf der Höhe. Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein. (...) Und wenn ich später lese, ist alles wie Kino – ich sehe mich in Bildern.“ S.4

Am Tisch nebenan saß eine wunderbare Dame mit ganz teuren Schultern und mit einem Rücken – ganz von selbst gerade, und ein so herrliches Kleid – ich möchte weinen – das Kleid war so schön, weil sie nicht nachdenken braucht, woher sie’s bekommt, das sah man dem Kleid an. Und ich stand auf der Toilette neben ihr, und wir sahen zusammen in den Spiegel – sie hatte leichte weiße Hände so mit vornehmem Schwung in den Fingern und sichere Blicke – so gleichgültig nebenbei – und ich sah neben ihr so schwer verdient aus. Sie war so weich und grade gebadet.“ S. 27f





Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Editionen mit

Materialien. 1. Aufl., Leipzig: Klett, 2004. ISBN 3-12-351141-3